Wir retten euch – Wer rettet uns?
Demonstration der Berliner Krankenhausbewegung

Samstag, 9. Oktober um 12 Uhr // Hermannplatz

Seit dem 9. September sind wir, die Krankenhausbeschäftigten von Charité, Vivantes und den Vivantes Tochterunternehmen im Streik für mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen. Mehr Personal ist ebenso wichtig für die sichere Versorgung der Patient*innen – für eine gute Gesundheitsversorgung der Berliner Bevölkerung.

Wir brauchen Eure Unterstützung!

Über Monate hinweg haben wir Argumente vorgetragen, Petitionen gestartet, Demonstrationen und Kundgebungen organisiert. Als letztes Mittel bleibt uns nur der Streik. Wir streiken schon seit fast 30 Tagen! Und noch immer kommen wir am Verhandlungstisch kaum voran. Die Arbeitgeber scheinen kein Interesse an einer Lösung und einem fairen Kompromiss zu haben. Versprechungen während der Pandemie? Geschenkt! Wir wollen jetzt Entlastung für die Gesundheitsberufe im Krankenhaus – und faire Löhne nach dem TVöD für die Beschäftigten in den Tochterunternehmen von Vivantes! Wir erwarten, dass die Berliner Landespolitik jetzt nach der Wahl endlich Verantwortung übernimmt für Gute Arbeit in den landeseigenen Krankenhäusern und für die Gesundheitsversorgung in Berlin.

Wir für euch, ihr für uns! Am 9. Oktober gehen wir wieder auf die Straße – am besten gemeinsam mit Euch. Euer Rückhalt hilft uns, dass es endlich zu Tarifabschlüssen kommt und die Streiks bei den Vivantes Tochterunternehmen und den Krankenhäusern von Charité und Vivantes beendet werden können.

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Worum geht’s?

Eine gute Gesundheitsversorgung geht nur mit guten Arbeitsbedingungen, ausreichend Zeit und Personal. Die Corona-Krise hat die Probleme des Personalmangels in den Krankenhäusern sichtbarer gemacht, als je zuvor. Darum ist das Ziel ein Tarifvertrag Entlastung bei der Charité und bei Vivantes mit verbindlichen Vorgaben zur Personalbesetzung und einem Belastungsausgleich bei Unterbesetzung.

Nach wie vor gibt es bei den Tochterunternehmen von Vivantes in der Reinigung, im Labor, in der Speiseversorgung, im Patiententransport und vielen weiteren Bereichen Beschäftigte ‚zweiter Klasse‘, die endlich faire Löhne und bessere Arbeitsbedingungen fordern: Faire Löhne und TVöD für alle Beschäftigten!

Dieses Jahr sind am 26. September die Berliner Abgeordnetenhauswahlen und die Forderungen sind: einen Tarifvertrag Entlastung und TVöD für alle noch vor den Wahlen!

Tarifvertrag Entlastung: 
Verbindliche Personalbesetzungen

Inzwischen haben Beschäftigte in knapp 20 Kliniken bundesweit Tarifverträge Entlastung durchgesetzt, indem sie dafür aktiv wurden und sich bei ver.di zusammengeschlossen haben. An der Unimedizin Mainz, der Uniklinik Jena und den Unikliniken Schleswig-Holstein wurden unter anderem folgende Regelungen durchgesetzt:

Verbindliche Personalbesetzungen für alle Bereiche

Für jeden Bereich/jede Station stellten Teams ihre schichtgenaue Forderung zur Personalbesetzung auf. Diese wurden mit der Klinikleitung verhandelt und im Tarifvertrag festgeschrieben. Je stärker sich ein Team zusammenschließt und beteiligt, desto besser das Ergebnis.

Belastungsausgleich bei Unterbesetzung

Eine Unterschreitung der verhandelten Besetzung wird automatisch im Dienstprogramm erfasst. Alle, die in Unterbesetzung gearbeitet haben, erhalten einen Belastungsausgleich in Freizeit oder Geld. An der Uniklinik Jena erhalten die Beschäftigten für sechs Schichten in Unterbesetzung einen zusätzlichen freien Tag.

Druck auf Klinikleitung steigt: Mehr Personal oder Betten/OP-Säle sperren

Durch den Belastungsausgleich steigt der Druck auf die Klinikleitung zusätzliches Personal einzustellen oder sogar Betten bzw. OP-Säle zu sperren, wenn nicht genug Personal da ist.

Download: Übersichts-Flyer zum Tarifvertrag Entlastung

Faire Löhne: TVöD für alle!

Die Beschäftigten der Vivantes-Tochterunternehmen haben geringere Löhne und schlechtere Arbeitsbedingungen, als Beschäftigte, die die gleiche Arbeit in anderen städtischen Krankenhäusern oder als ‚Gestellte‘ (Beschäftigte mit Altverträgen von Vivantes und der Charité) machen. Das ist ungerecht! Eine gute Patientenversorgung geht nur mit guten und fairen Löhnen und ausreichend Erholungszeit.

Einige Beispiele (im Vergleich zum TVöD):

Patientenbegleitservice (Vivantes Service Gesellschaft) nach sechs Jahren: 571 € weniger Bruttolohn pro Monat.

Reinigungskraft (Vivaclean) nach vier Jahren: 783 € weniger Bruttolohn pro Monat.

Küchenarbeiter*in (SVL) nach einem Jahr: 594 € weniger Bruttolohn pro Monat.

Physiotherapeut*in (Vivantes Reha) nach sechs Jahren: 791 € weniger Bruttolohn pro Monat.

Medizinisch-Technische Assistentin im Labor (Labor Berlin) nach vier Jahren: min. 261 € weniger pro Monat.

Außerdem: weniger Zuschläge, häufig kein Krankengeldzuschuss, teilweise weniger Urlaub, wenig oder keine Jahressonderzahlung…

Warum wurden die Tochterunternehmen überhaupt gegründet? Weil Vivantes dadurch Personalkosten  spart – auf dem Rücken der Beschäftigten. Das geht nicht nur zu Lasten der Kolleg*innen, sondern auch zu Lasten einer guten Gesundheitsversorgung. Denn Krankenhaus ist Teamarbeit!

Download: Übersichtsflyer zur Forderung „TVöD für alle“

Fragen und Antworten

Was will die Berliner Krankenhausbewegung?

Die Corona-Pandemie hat allen vor Augen geführt, wie wichtig eine flächendeckend gute Gesundheitsversorgung ist. Zugleich hat sie die Probleme offengelegt: Es fehlt nicht in erster Linie an Betten oder Geräten, sondern an qualifiziertem, ausgeruhtem Personal. Die Arbeitsbedingungen sind schlecht. Beschäftigte, die für die Gesundheit anderer sorgen, werden selbst krank oder verlassen ihre Berufe. Die Berliner Krankenhausbewegung hat sich zum Ziel gesetzt, das zu ändern – im Interesse der Beschäftigten, der Patientinnen und Patienten sowie der Gesellschaft als Ganzes.

Zum einen fordern wir mit unserer Gewerkschaft ver.di für die großen öffentlichen Krankenhausträger Berlins, Vivantes und Charité, einen Tarifvertrag zur Entlastung des Personals. Zum anderen sollen künftig auch die Beschäftigten der Tochtergesellschaften nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) bezahlt werden. Niedriglöhne und prekäre Beschäftigung haben im Gesundheitswesen und in landeseigenen Unternehmen nichts zu suchen. Für beide Forderungen haben die Kolleg*innen den Klinikvorständen und dem Berliner Senat ein 100-Tage-Ultimatum gesetzt: 8.397 Beschäftigte haben unterschrieben, dass sie ernst machen und in einen machtvollen Streik jeweils für ihre Forderungen treten wollen, falls sich bis zum 20. August nichts Substanzielles bewegt. Das sind 63 Prozent aller Beschäftigten, die von den geforderten Tarifverträgen profitieren würden.

Was geht mich die Überlastung der Krankenhausbeschäftigten an?

Personelle Unterbesetzung in der Krankenversorgung kann gravierende, sogar lebensgefährliche Folgen haben. Der Zusammenhang von unzureichender Personalausstattung und Behandlungsergebnis ist vielfach wissenschaftlich belegt. Das betrifft alle Bereiche und Beschäftigtengruppen. Wenn Notaufnahmen nicht gut genug besetzt sind, muss der Rettungswagen zur nächsten Klinik fahren, es gehen womöglich entscheidende Minuten verloren. Wenn Patient*innen auf Intensivstationen oder im Aufwachraum nicht engmaschig beobachtet werden können, ist das gefährlich. Wenn das Labor notwendige Analysen nicht schnell genug liefert, kann das den Behandlungserfolg gefährden. Auch wenn Reinigungskräfte wegen eines zu hohen Arbeitspensums nicht richtig reinigen und desinfizieren können, stehen Menschenleben auf dem Spiel.

Das Bundesgesundheitsministerium schätzt die Zahl behandlungsassoziierter Infektionen auf 400.000 bis 600.000 im Jahr – die dadurch verursachten Todesfälle auf 15.000. Jeder Dritte davon wäre durch eine bessere Hygiene vermeidbar. So gibt es jede Menge weiterer Beispiele, die zeigen: Wir alle sind (potenziell) darauf angewiesen, dass in den Kliniken genug Personal zur Verfügung steht.

Sind Personalvorgaben im Krankenhaus nicht Aufgabe des Gesetzgebers? Warum macht ver.di die Überlastung zum Gegenstand von Tarifauseinandersetzungen?

Die Beschäftigten machen seit Jahren mit Petitionen und Protestaktionen auf die Missstände im Gesundheitswesen aufmerksam. Sie fordern gesetzliche Personalvorgaben, die sich ausschließlich am realen Versorgungsbedarf der Patient*innen orientieren und gute Arbeitsbedingungen ermöglichen. Aus Sicht von ver.di steht der Gesetzgeber in der Verantwortung, eine gute Krankenversorgung für seine Bürger zu garantieren. Doch die Bundesregierung hat lediglich für einige wenige Krankenhausbereiche Pflegepersonaluntergrenzen eingeführt, die nicht dazu geeignet sind, die Erwartungen der Beschäftigen, wie auch der Patient*innen zu erfüllen. Gemeinsam mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft und dem Deutschen Pflegerat hat ver.di im Januar 2020 eine neue Pflegepersonalregelung, die PPR 2.0, vorgelegt – ein kurzfristig einsetzbares Instrument für eine bedarfsorientierte Personalbemessung in der stationären Krankenhauspflege. Doch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) scheint nicht zur Umsetzung bereit zu sein und spielt stattdessen auf Zeit: Zwar wurden Krankenkassen und Krankenhausgesellschaft mit der Entwicklung eines wissenschaftlichen Instruments zur Personalbemessung beauftragt. Die Ergebnisse sollen jedoch erst frühestens 2025 zur Verfügung stehen – falls sich beide Seiten überhaupt einigen können. ver.di wird daher auch weiterhin Druck auf die Politik machen, um bundesweit einheitliche, bedarfsgerechte Personalvorgaben schneller durchzusetzen.

Neben der großen politischen Linie verfolgen wir auch auf betrieblicher Ebene das Ziel, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Klinikbeschäftigte nehmen auch Unternehmensleitungen in die Verantwortung. In bundesweit 17 Großkrankenhäusern, mehrheitlich Universitätskliniken, konnten zwischenzeitlich Tarifverträge bzw. Vereinbarungen zur Entlastung der Beschäftigten durchgesetzt werden. Den Anfang machte die Charité-Belegschaft, die 2015/16 erstmals einen solchen, mittlerweile ausgelaufenen, Tarifvertrag erstreikte. Ein Berliner Arbeitsrichter stellte seinerzeit klar, dass ver.di sehr wohl Tarifverträge zur Entlastung der Beschäftigten fordern und dafür auch zum Streik aufrufen kann, denn: »Die unternehmerische Freiheit des Arbeitgebers endet dort, wo der Gesundheitsschutz der Mitarbeiter beginnt.« (siehe Broschüre»Mehr von uns ist besser für alle!«)

Warum hat der an der Charité erzielte Tarifvertrag Gesundheit nicht ausgereicht, um die Überlastung zu beseitigen?

Mit dem bundesweit ersten Tarifvertrag mit Regelungen zur Entlastung haben die Charité-Beschäftigten den Weg für viele andere Krankenhausbelegschaften bereitet. Doch in der Praxis zeigte sich, dass die erste Vereinbarung dieser Art bei manchen Punkten einfach zu kurz gegriffen hat. Vor allem fehlte es an Verbindlichkeit. Verstöße gegen die vereinbarten Mindestbesetzungen hatten für den Arbeitgeber keine spürbaren Konsequenzen. So kam die Entlastung in den Stationen und Bereichen allzu oft nicht an. Mit dem neuen Tarifvertrag wollen wir uns u.a. an den zwischenzeitlich an den Unikliniken Schleswig-Holstein, Mainz, Jena und Hamburg erzielten Ergebnissen orientieren. Zum Beispiel erhalten Beschäftigte, die dort mehrfach in unterbesetzten Schichten arbeiten, als Belastungsausgleich zusätzliche freie Tage. Das gibt ihnen zum einen die Möglichkeit, sich besser zu erholen. Zum anderen erhöht es den Druck auf die Klinikleitung, Personal einzustellen um zusätzliche Freischichten im Rahmen des Belastungsausgleichs zu vermeiden. Wichtig ist uns, dass für alle Stationen und Bereiche angemessene Personalquoten festgeschrieben werden, die dem jeweiligen Versorgungsbedarf entsprechen.

Warum fordert ver.di Entlastungs-Tarifverträge nur in den öffentlichen Kliniken?

ver.di macht Entlastung überall dort zum Thema, wo sich Klinikbelegschaften für Verbesserungen engagieren und gewerkschaftlich organisieren. So haben beispielsweise auch die Beschäftigten des kommerziell betriebenen Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKGM) eine vergleichbare Vereinbarung durchgesetzt. Vivantes und Charité stehen für 40 Prozent der Krankenhausversorgung in Berlin. Sie setzen den Standard für Versorgungsqualität und Arbeitsbedingungen in der Stadt. Die Beschäftigten beider Klinikträger haben ihre Bereitschaft, sich für ihre Forderungen einzusetzen, mit 8.397 Unterschriften unter das 100-Tage-Ultimatum eindrücklich dokumentiert. Setzen sie Verbesserungen durch, wird das aufgrund der Arbeitsmarktsituation indirekt auch die Arbeitsbedingungen bei anderen Trägern verbessern.

Klinikmanager sagen, Personalvorgaben hätten keine Wirkung, weil das nötige Personal nicht gewonnen werden kann. Stimmt das?

Die positiven Auswirkungen von verbindlichen und bedarfsorientierten Personalvorgaben sind durch mehrere Studien belegt. Zuletzt haben Wissenschaftler*innen für 27 öffentliche Krankenhäuser im australischen Bundesstaat Queensland, in denen 2016 Personalvorgaben eingeführt wurden, im Vergleich zu anderen Krankenhäusern ohne Personalbemessung deutlich positive Effekte festgestellt – nicht nur bei Sterblichkeit, Wiederaufnahmen und Liegezeiten, sondern sogar bei den Kosten.

Die Behauptung, auf dem Arbeitsmarkt stünden nicht genug Fachkräfte zur Verfügung, ist eine selbsterfüllende Prophezeiung: Personalmangel und schlechte Arbeitsbedingungen führen dazu, dass hunderttausende Beschäftigte ihrem Beruf den Rücken kehren oder ihre Arbeitszeit reduzieren – schlicht weil sie nicht mehr können. Eine aktuelle Studie der Arbeitnehmerkammer Bremen rechnet vor, dass deutschlandweit zwischen 92.000 und 172.000 zusätzliche Pflegestellen allein dadurch besetzt werden könnten, dass Teilzeitkräfte wegen besserer Arbeitsbedingungen ihre Arbeitszeiten wieder aufstocken.

Dass vor allem Vivantes die Ausbildung stärken will, begrüßen wir. Es ist aber kein Ersatz für einen Tarifvertrag Entlastung. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Nur wenn auf den Stationen und in den Bereichen genug Personal zur Verfügung steht, sind eine gute Praxisanleitung und gute Unterstützung der jungen Kolleg*innen in der Ausbildung möglich. Die Ausbildungsbedingungen müssen betrieblich weiterentwickelt werden – Auszubildende dürfen nicht mehr als Lückenfüller auf unterbesetzten Stationen oder in Bereichen eingesetzt werden. Die vergangenen Jahre haben bewiesen: Appelle und Versprechungen reichen nicht. Die Auszubildenden erwarten eine gute Ausbildung und nach Abschluss Arbeitsbedingungen, bei denen man auch weiterarbeiten möchte.

Müssen die Leistungen reduziert werden, wenn die tariflichen Personalbesetzungen nicht eingehalten werden können?

Mit besseren Arbeitsbedingungen können Arbeitskräfte gewonnen und gehalten werden. Tarifverträge zur Entlastung sind bei der Werbung um Gesundheitsfachkräfte auf dem Arbeitsmarkt ein hervorragendes Argument. Krankenhäuser, die solche Tarifverträge abgeschlossen haben, setzen die Regelungen auch ganz offensiv ein, wenn es darum geht, neue Beschäftigte zu gewinnen – auch jene, die sich zuvor mit Händen und Füßen dagegen gewehrt haben. Dennoch werden in manchen Bereichen nicht sofort alle nötigen Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Dort müssen Beschäftigte zunächt weiterhin in unterbesetzten Schichten arbeiten. Dafür erhalten sie dann aber zumindest einen Belastungsausgleich in Form zusätzlicher freier Tage – so, wie es zum Beispiel an den Unikliniken in Schleswig-Holstein, Mainz, Jena, Augsburg und Homburg bereits der Fall ist. Mittelfristig wird dadurch der Druck erhöht, die Personalnot zu überwinden. Das ist nicht nur für die Beschäftigten wichtig. Wenn im Krankenhaus zu wenig Personal zur Verfügung steht, schadet das auch und vor allem den Patientinnen und Patienten.

Die Vivantes-Spitze sagt, ihr sei es als Mitglied im Kommunalen Arbeitgeberverband (KAV) nicht erlaubt, Verträge mit ver.di über Entlastung schließen. Ist das so?

Die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) hat ihren Mitgliedsunternehmen untersagt, derartige Tarifverträge/ Vereinbarungen eigenständig zu verhandeln. Dies ist aber nicht das Problem der Beschäftigten, sondern das der Arbeitgeber – sie müssen untereinander eine Lösung finden. Dass sich Krankenhäuser auch gegen das Votum der VKA auf Entlastungstarifverhandlungen einlassen, zeigt das Beispiel des Klinikums Region Hannover (KRH). Warum sollte das nicht auch in dem viel größeren und mächtigeren Vivantes-Konzern oder an der Charité Universitätsmedizin möglich sein?

Wie kann der Tarifvertrag Entlastung finanziert werden?

Ein Großteil der notwendigen Neueinstellungen würde die „Pflege am Bett“ verbessern. Die Personalkosten für die Pflege am Bett werden, seit sie von der Bundesregierung aus den Fallpauschalen (Diagnosis Related Groups, DRG) herausgenommen wurden, vollständig refinanziert. Richtig ist: In anderen Arbeitsbereichen könnten die Kosten der Kliniken steigen. Sollten also die Mittel der Krankenkassen nicht ausreichen, um zusätzliche Personalkosten zu decken, steht aus unserer Sicht das Land Berlin in der Pflicht, eventuell entstehende Defizite auszugleichen. Gute Arbeitsbedingungen und gute Gesundheitsversorgung sollte es den verantwortlichen Politiker*innen in der Stadt Berlin wert sein. Ob eine gute Personalausstattung der Krankenhäuser – gesamtgesellschaftlich betrachtet – letztlich überhaupt zusätzliches Geld kostet, ist nicht einmal gesagt. Die genannte Studie zu den Auswirkungen der Personalbemessung in Kliniken des australischen Bundesstaat Queensland dokumentiert sogar einen Einspareffekt: Zwar kosten die dort zusätzlich eingestellten Pflegekräfte 33 Millionen Australische Dollar. Zugleich werden aber insgesamt 67,6 Millionen Dollar durch verkürzte Liegezeiten und weniger Wiederaufnahmen eingespart.

Warum haben sich die Beschäftigten von Charité, Vivantes sowie der Vivantes-Tochtergesellschaften zu einer gemeinsamen Krankenhausbewegung zusammengeschlossen?

Es ist klar, dass für die beiden öffentlichen Unternehmen Vivantes und Charité vergleichbare Arbeitsbedingungen, also möglichst auch dieselben Regelungen zur Entlastung gelten sollten. Zu welchen Bedingungen Beschäftigte arbeiten darf nicht von der unterschiedlichen Refinanzierung oder der Gesellschaftsform abhängen. Deshalb sind aus unserer Sicht getrennte Verhandlungen in beiden Unternehmen wenig sinnvoll.

Das Krankenhaus basiert auf Teamarbeit. Alle Beschäftigtengruppen werden gebraucht. Alle müssen zu guten Bedingungen und einer angemessenen Bezahlung angestellt sein. Deshalb stehen die Beschäftigten von Charité und Vivantes solidarisch zu der Forderung ihrer Kolleginnen und Kollegen in den Tochtergesellschaften, die ebenfalls entsprechend des Tarifvertrages für den öffentlichen Dienst (TVöD) entlohnt werden wollen.

Nur gemeinsam sind wir stark!

Hat das Berliner Abgeordnetenhaus nicht längst beschlossen, dass die Tochterunternehmen nach dem Branchentarifvertrag bezahlen?

Ja! Das Berliner Abgeordnetenhaus hat bereits am 13. Dezember 2018 die Erstellung eines Konzepts beschlossen, dass für Vivantes »eine Tarifstruktur in allen Konzernteilen auf jeweils branchenüblichem Niveau inklusive einer Gleichbezahlung aller Beschäftigten für gleiche Arbeit« vorsieht. »Haustarifverträge« oder »Entgeltgrundsätze« seien auszuschließen, soweit diese abweichende Regelungen vom Mutterkonzern beinhalten, die die Beschäftigten schlechter stellen. Es ist höchste Zeit, dass das landeseigene Unternehmen dieser Vorgabe seines Eigentümers nachkommt.

Sich an Tarifverträgen zu »orientieren« oder diese einseitig »anzuwenden«, wie zum Beispiel am Tarifvertrag des Reinigungsgewerbes, reicht nicht aus. Denn zum einen ist die Reinigung von Operationssälen oder Patientenzimmern etwas völlig anderes als die Reinigung von Büroräumen. Zum anderen werden Tarifverträge zwischen Arbeitgebern und einer Gewerkschaft geschlossen, der die Beschäftigten des jeweiligen Betriebs angehören. Nur so können Tarifverhandlungen auf Augenhöhe geführt und die Kolleg*innen an der Gestaltung ihrer eigenen Arbeitsbedingungen beteiligt werden.

Die Vivantes-Spitze droht mit Outsourcing und Arbeitsplatzabbau, falls alle Tochtergesellschaften nach dem TVöD bezahlen müssen. Was sagt ihr dazu?

Dass ein öffentliches Unternehmen versucht, seine Beschäftigten auf diese Weise einzuschüchtern, ist empörend. Die Ironie an der Sache: Vivantes hat bereits nahezu alle Tätigkeiten ausgegliedert, bei denen das möglich ist – und das mit einem einzigen Ziel: Lohnkosten senken. Das hat zur Folge, dass etliche Beschäftigte in den Tochterfirmen  Zweit- oder Drittjobs annehmen, um über die Runden zu kommen oder mit Arbeitslosengeld II aufstocken müssen. Die öffentliche Hand subventioniert so Niedriglöhne eines Unternehmens in Landesbesitz – absurd! Dass die gleiche Arbeit ungleich entlohnt wird, muss endlich ein Ende haben. So hat es das Berliner Abgeordnetenhaus bereits beschlossen. ver.di steht bereit, entsprechende Tarifverträge abzuschließen. Die Ab- bzw. Aufspaltung der Betriebe erschwert die Zusammenarbeit und schadet einer guten Versorgung. Wir stehen zu der Forderung: Ein Betrieb, eine Belegschaft, ein Tarifvertrag!

Ist ein Streik im Krankenhaus erlaubt? Werden Patientinnen und Patienten bei einem Streik nicht gefährdet?

Das gesetzlich verbriefte Grundrecht auf Streik gilt für alle Beschäftigten – auch in den Krankenhäusern und ihren Tochterunternehmen. Und: Nicht der Streik gefährdet die Patient*innen, sondern der Normalzustand. Die Gewerkschaft ver.di hat schon oft gezeigt, dass sie Arbeitskämpfe im Gesundheitswesen besonders verantwortungsvoll führt. Wir bieten stets den Abschluss einer Notdienstvereinbarung an, die sowohl das Streikrecht garantiert als auch eine Gefährdung von Patientinnen und Patienten ausschließt. Die vor einigen Jahren an der Charité für tarifliche Konflikte abgeschlossene Notdienstvereinbarung hat sich bewährt. Demnach wird dem Arbeitgeber mit längerem zeitlichem Vorlauf konkret angekündigt, welche Bereiche wie stark bestreikt werden. Der Arbeitgeber hat die Möglichkeit und die Verantwortung, die Auslastung entsprechend zu reduzieren. Das beinhaltet auch die vorübergehende Schließung von Betten und Stationen, wobei selbstverständlich die Notversorgung von Patient*innen zu keinem Zeitpunkt gefährdet wird.

Wer wir sind

Ich bin bei der Berliner Krankenhausbewegung dabei, weil ich…

CCM, Pflegekraft, Intensivstation

Dana Lützkendorf

„…mir Entlastung für die Beschäftigten wünsche, damit alle bis zur Rente gesund und gut arbeiten können.“

AVK, Sporttherapeut

Benjamin Elsner

„…endlich die Politik in die Verantwortung nehmen möchte, die Rückführung der Töchter in den Mutterkonzern durchzuführen. TVöD für alle Beschäftigten!“

HUK, Pflegekraft, Betriebsrat

Christiane Ehrmann

„…die schweren Arbeitsbedingungen, die ich in den letzten 40 Berufsjahren miterlebt habe, endlich gemeinsam mit vielen KollegInnen zu guten Arbeitsbedingungen verändern möchte.“

KAU, Pflegekraft, Station 62

Claudia Kolenda

„…möchte, dass Menschen weiterhin in der Pflege arbeiten möchten und dass wir selbstbewusst unseren Berufsstand vertreten können.“

KSP, Pflegekraft, Intensivstation

Angelika Quast

„… menschenwürdige Voraussetzungen für Gesundheit und Arbeit schaffen will.“

HUK, Patientenbegleitservice

Michael Rittner

„…die Ungerechtigkeit bei den Tochter-Angestellten beenden möchte.“

Jetzt mitmachen und 2021 zum Entscheidungsjahr über die Gesundheitsversorgung in Berlin machen!

 

Veranstaltungen

 

09. Okt

12:00 Uhr

Wir retten euch – Wer rettet uns? Demonstration der Berliner Krankenhausbewegung (Start Herrmannplatz)

Seit dem 9. September sind wir, die Krankenhausbeschäftigten von Charité, Vivantes und den Vivantes Tochterunternehmen im Streik für mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen. Mehr Personal ist ebenso wichtig für die sichere Versorgung der Patient*innen - für eine gute Gesundheitsversorgung der Berliner Bevölkerung. Wir brauchen Eure Unterstützung! Über Monate hinweg haben wir Argumente vorgetragen, Petitionen gestartet, Demonstrationen und Kundgebungen organisiert. Als letztes Mittel bleibt uns nur der Streik. Wir streiken schon seit fast 30 Tagen! Und noch immer kommen wir am Verhandlungstisch kaum voran. Die Arbeitgeber scheinen kein Interesse an einer Lösung und einem fairen Kompromiss zu haben. Versprechungen während der Pandemie? Geschenkt! Wir wollen jetzt Entlastung für die Gesundheitsberufe im Krankenhaus - und faire Löhne nach dem TVöD für die Beschäftigten in den Tochterunternehmen von Vivantes! Wir erwarten, dass die Berliner Landespolitik jetzt nach der Wahl endlich Verantwortung übernimmt für Gute Arbeit in den landeseigenen Krankenhäusern und für die Gesundheitsversorgung in Berlin. Wir für euch, ihr für uns! Am 9. Oktober gehen wir wieder auf die Straße – am besten gemeinsam mit Euch. Euer Rückhalt hilft uns, dass es endlich zu Tarifabschlüssen kommt und die Streiks bei den Vivantes Tochterunternehmen und den Krankenhäusern von Charité und Vivantes beendet werden können.

Jetzt mitmachen!

Du arbeitest bei Vivantes, der Charité oder einer Vivantes Tochter? Dann melde Dich hier an, um aktiv zu werden! Es wird sich innerhalb kurzer Zeit jemand aus dem ver.di Team bei dir melden.

Du möchtest die Berliner Krankenhausbewegung unterstützen und aktiv deine Solidarität zeigen? Dann melde Dich an und wir setzen dich in Kontakt mit Menschen aus deinem Bezirk, die bereits aktiv sind.

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